Talkrunde in Kremmen: Stasi, Russen und Glücksritter

Ost traf West beim 15. Kremmener Gespräch am späten Sonnabend auf dem Spargelhof: Karl-Heinz Schröter, Uwe Feiler, Ingo Dubinski, Ernst-August Winkelmann und Gastgeber Frank Bommert plaudern aus dem Nähkästchen.

Quelle: Robert Roeske
Quelle: Robert Roeske
Es ging um das, was für die allermeisten Ostdeutschen im aktuellen Alter ab 45 Jahren der größte Umbruch in ihrem Leben war. Und es ging um ganz persönliche Bilanzen der gut drei Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung. Der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Bommert hatte zu diesem Thema für Sonnabend vier interessante Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum 15. Kremmener Gespräch auf den Spargelhof eingeladen, um mit ihnen im gut besetzten Zelt unter dem Motto „Ost trifft West“ eine lockere Talkrunde zu bilden: Karl-Heinz Schröter, der 1990 zum SPD-Landrat des damaligen Kreises Oranienburg gewählt wurde und dieses Amt bis zu seiner Ernennung zum brandenburgischen Innenminister 2014 ausübte....

Uwe Feiler, der im heutigen Winsen an der Luhe in Niedersachsen aufwuchs, 1991 den Bauernhof seiner Großeltern im brandenburgischen Spaatz übernahm, seit 2013 CDU-Bundestagsmitglied des hiesigen Wahlkreises ist und 2019 zum parlamentarischen Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium ernannt wurde. Ingo Dubinski, der seine Kindheit und Jugend in Ost-Berlin verbrachte, nach seinem Journalistikstudium die verschiedensten TV-Formate und Sendungen moderierte (elf99) und als Autor und Filmemacher in Erscheinung tritt. Ernst-August Winkelmann, der aus Rahden (NRW) stammt, dessen Familie seit 1954 im Spargelanbau tätig ist, der Anfang der 1990er-Jahre mit seinem Geschäftspartner den 800 Hektar großen Spargelof Klaistow gründete und inzwischen zu den erfolgreichsten Spargelbauern Deutschlands gehört.

Mit der Frage, wie sie denn den Mauerfall erlebt hätten, eröffnete Bommert die Runde. Seine Familie sei im Wartburg zu Onkel Manfred nach Moabit gefahren, sagte Ingo Dubinski. „Es gab Tränen“, beschrieb er den emotionalen Moment. Nach einem Bänderriss beim Volleyball habe er mit Gips und „Bein hoch im Sessel gesessen“, erzählte Vereinssportler Uwe Feiler. Vor dem Fernseher habe er das Ereignis erlebt, berichtete Spargelbauer Winkelmann. Bereits ein Jahr davor habe er einen Ausflug in die ehemalige DDR gemacht. Es zog ihn später wieder dahin – und „wir sind da hängen geblieben“. Seine Laufbahn im Spargelgeschäft bezeichnet er als „Glück“. Gänzlich verschlafen hatte „Kalle“ Schröter den Abend. Weil seine Frau krank war, sei auch er um 20.30 Uhr zu Bett gegangen – ohne Nachrichten. Am nächsten Tag hatte er „das Sensationellste sei 28 Jahren“ zunächst nicht glauben können – bis ausgerechnet die Parteisekretärin seines Betriebes ihm die Ereignisse bestätigt habe. Erst die Nacht zum 11. November habe er dann in Berlin gefeiert. „Das war eine tolle Entschädigung für den verschlafenen 9. November.“ Und auch Bommert selbst hatte nach eigenen Worten die Maueröffnung wegen eines Videoabends verpasst und erst am nächsten Tag von seiner Mutter davon erfahren.

Persönliche Höhepunkte und Niederlagen

Für reichlich Gesprächsstoff sorgten seine Fragen nach dem persönlich besten und dem unerfreulichsten Erlebnis der Wendezeit. Glücklich zeigte sich Uwe Feiler, „nach 26 Jahren im Exil“ wieder in ostdeutsche Heimat zurückkehren zu können. Als Mitarbeiter der Finanzverwaltung habe er allerdings auch viele Glücksritter erlebt, „die eine schnelle Mark machen wollten“. Schröter erzählt die Geschichte, wie sich die von ihm mitbegründete SDP per Beschluss zur deutschen Einheit bekannte – und plötzlich nicht nur Mitglieder gewann, sondern auch Wahlen. Seinen Respekt drückte Winkelmann für die Ostdeutschen aus, weil diese sich sehr schnell umstellen mussten. Für Dubinski war es der Moment, als er ein lukratives RTL-Angebot ausschlug und lieber zum MDR ging. Lange erzählte er dann über die Hintergründe seiner Stasitätigkeit als „IM Diplomat“ und den daraus resultierenden Karriereknick. Seinen Freund habe er aber nicht verraten und mit 19 Jahren „meinen Kurs gefunden“ – und sich von der Stasi distanziert.

Was bei der Wiedervereinigung falsch lief

Privat und beruflich würde er nichts anders machen, bekannte, Uwe Feiler. Zumal das gar nicht ginge. Es gehe viel mehr darum, was in Zukunft geändert werden müsse – und das sei das „Auseinanderdriften von Stadt und Land“. Seine frühere Frisur brachte Ingo Dubinski ins Spiel. Einen großen Fehler der Wendegeschichte beschrieb Karl-Heinz Schröter (neben heiteren Anekdoten zur improvisierten Aufbauarbeit und dem Abzug des russischen Hubschraubergarderegiments in Oranienburg): „Ich halte den Grundsatz ,Rückgabe vor Entschädigung’ für falsch.“ Das habe die Wirtschaft behindert und zu vielen Dramen geführt. Im persönlichen Bereich sei seine Familie zu kurz gekommen. Dafür könne er sich nur entschuldigen. Jetzt jedenfalls sei er gern „Vollzeitopa“.

Quelle:
Talkrunde in Kremmen: Stasi, Russen und Glücksritter (maz-online.de)

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